
Willkommen zurück im „langsamen Internet“ 🧘🏻😌
Das schrieb mir ein Freund nach meinem letzten Newsletter, und ich hab mich richtig gefreut. Endlich hatte ich ein Wort für das, was ich hier schaffen will: Einen etwas besinnlicheren Ort, wo man Ruhe hat für tieferen Input und Nachdenken. Oder wie Florence Given (das britische Internet-It-Girl mit den pinken Haaren) neulich in ihrem Podcast sagte: „I’m not trying to grab your attention, I want to earn it.“
Attention – Aufmerksamkeit – ist zur wichtigsten Währung im Internet geworden und damit auch zu einer Art Kapital, über das wir alle verfügen. Nur: Wie schaffen wir es, dass uns unsere Aufmerksamkeit nicht ständig geklaut wird in Momenten, in denen wir sie eigentlich gar nicht oder lieber für etwas anderes hergeben würden?
Fast 100 Leute haben mir auf meine letzte Mail geantwortet. Viele beschrieben ihre persönlichen Tricks und Methoden, um gegen Brain Rot* anzukommen – und die will ich dir nicht vorenthalten:
1. Apps, die Abhilfe schaffen
OneSec unterbricht dich kurz, wenn du Insta, Snapchat und co. öffnen willst. Die App fordert dich auf, tief durchzuatmen, fragt dich, warum du gerade jetzt Tiktok startest, oder – das fand ich besonders fies – startet die Selfie-Kamera und zwingt dich, dir selbst tief in die Augen zu schauen, bevor du dich wieder in deinen Feed begibst.
Freedom blockt bestimmte Apps und Websites, damit du dich besser konzentrieren kannst. Erinnert mich an Otto – das ist eine Browser-Extension, die ich installiert habe, um phasenweise fokussiert zu bleiben. Sie läuft auch jetzt gerade, und wird mich in 50 Minuten auffordern, 5 Minuten Pause vom Schreiben zu machen, ehe die nächste Phase losgeht.
Die kannte ich noch nicht: NoScroll blockt Youtube oder Instagram nicht komplett, sondern lediglich Shorts und Reels, die darin angezeigt werden. Weil Kurzvideos angeblich besonders zum Doomscrollen und Zeit Verschwenden verführen. Danke an Max für den Tipp!
Und dann ist da natürlich das gute alte Bildschirmzeit-Limit. Ganz ehrlich: Für mich funktioniert das nicht. Meistens tappe ich direkt auf „Limit ignorieren“ … Aber bisher war ich auch nicht mutig genug, die Bildschirmzeit-Begrenzung mit einem Passwort zu versehen. Ich habe für zwei Menschen in meinem Umfeld (natürlich mit ihrer Erlaubnis) Screen-Time-Passwörter angelegt, die nur ich kenne. Der „Walk of Shame“, der nötig wäre, um mich zu bitten, ihnen Tiktok freizuschalten, hält sie tatsächlich davon ab. (Komme ich etwa so judgy rüber?!)

Anna-Lena schreibt: „Mir hilft es, Social Media von Handy aufs Tablet zu verbannen. Ich habe plötzlich wieder Zeit für Hobbies wie Stricken und Puzzlen, während ich Podcasts höre, und freue mich, dass das so einfach klappt.“
Auch Felix besucht Instagram und YouTube nur gezielt vom Laptop aus – und geht noch einen Schritt weiter: „Weil ich mir nur einen Bildschirm [gleichzeitig] erlaube, liegt ein Notizbuch neben dem Sofa: Dort kommen Fragen und Stichpunkte rein, die ich in den kommenden Tagen vielleicht vertiefen könnte, aber nicht muss.“
3. Vorsätze statt Videos
Clever und irgendwie rührend fand ich, wie Andreas sich selbst austrickst: „An die Stelle auf meinem Handy wo Instagram war, habe ich einen Shortcut gepackt zu einer Notiz, welche schönen Dinge ich 2026 machen will. Es ist wirklich wild, wie oft mein Daumen auf diese Stelle drückt 🥹“ Wie gut ist diese Idee bitte?!

4. Grau = langweilig
App-Designer setzen gezielt Farben ein, um unsere Aufmerksamkeit zu erhaschen. Das leuchtende Notification-Rot oder knallige Blau der zwei Haken in Whatsapp aktivieren das Belohnungssystem im Hirn und sorgen für Dopamin-Ausschüttung.
Einige von euch berichten, dass es ihnen hilft, am Handy vom Farb- in den Graustufen-Modus zu wechseln. Mehrere wissenschaftliche Studien bestätigen, dass die Bildschirmzeit dadurch signifikant zurückgehen kann. Aber Achtung: Die Forschung vermutet auch einen Gewöhnungseffekt, der die Screen Time mittelfristig wieder steigen lässt.
5. Handy-freie Zeit
Eines wird aus euren Antworten klar: Um keine Zeit mit Social Media zu vergeuden, wendet man sich am besten (phasenweise) komplett von ihnen ab – und der analogen Welt zu. Simone „vergisst“ ihr Handy bewusst zuhause, Markus liest den SPIEGEL auf Papier statt online, Sandra liest gar keine Nachrichten mehr, sondern größtenteils Romane.
Milena hat sich gefragt, wie sie als Kind eigentlich die Momente verbracht hat, in denen sie heute zum Handy greift. „Aktuell gehe ich jeden Morgen aufs Feld hinter der Wohnung und blicke in die Ferne. Erst in diesen Momenten komme ich wirklich zu mir und habe Raum für „echte“ Gedanken. Diese Art von Gedanken, die nur bei Langeweile entstehen und aus denen Wunderbares wachsen kann.“
Eins ist mir noch wichtig: Ich glaube, es gibt hier kein „Perfekt“, kein 100 %, das man erreichen könnte. Oben habe ich Aufmerksamkeit mit einer Währung verglichen. Aber Geld kann man sparen, vermehren, verleihen – Aufmerksamkeit nicht. Man gibt sie die ganze Zeit, mal bewusst, mal weniger bewusst.
Deshalb freue ich mich, dass du mir heute etwas von deiner Aufmerksamkeit gegeben hast <3
Falls ich darf, würde ich dich noch um ein wenig mehr davon bitten – für die neue Deutschland3000-Folge. Heute jährt sich das rechtsextreme Attentat von Hanau zum 6. Mal. Neun Menschen wurden damals ermordet, darunter der kleine Bruder meines Gastes. Said Etris Hashemi, der in der Tatnacht selbst schwer verletzt wurde, hat mir erzählt, was damals alles schief gelaufen ist und wie er bis heute für Aufklärung kämpft. Es geht um Behördenversagen, das gesellschaftliche „Davor“ dieser Tat und was wir alle dazu beitragen können, dass etwas so Grausames nicht wieder passiert.
Vielen Dank fürs Anhören. Und danke an alle, die mir geschrieben haben! So ist bereits die zweite Ausgabe meines Newsletters eine Community-Ausgabe geworden – das hätte ich nie gedacht 💌
Ich freu mich auf dich in zwei Wochen,
deine Eva
P.S.: Falls du diese Mail weitergeleitet bekommen hast, kannst du dich hier für die nächste Ausgabe anmelden.
* Im Schnitt habt ihr übrigens ein überraschend ausgewogenes Brain Rot Level: 5,6 auf einer Skala von 1 bis 10. Sehr gute Voraussetzung für das, was ich hier als nächstes geplant habe …
