
Hallo, willkommen zurück im „langsamen Internet“!
Diese Mail hier gäbe es vermutlich nicht, wenn Marit – die ich gar nicht persönlich kenne, aber die wie du bei diesem Newsletter mitliest – mir nicht vor ein paar Wochen geschrieben hätte: „Wir Leser ertragen mehr Banalität als du denkst.“ Das zu lesen hat mir sehr geholfen, danke Marit!
Deshalb geht es in der heutigen Mail um eine banale Erkenntnis, die ich diesen Monat hatte: Wir sollten uns mehr ✨ alberne Ziele ✨ setzen!
Um das zu erklären, spule ich kurz zurück in die 7. oder 8. Klasse (ganz sicher bin ich mir beim Jahr nicht, aber stell dir eine Eva mit Kleidergröße 164, Zahnspange und praktischem Bob-Haarschnitt vor). Ich war ein unsportliches Kind – „grobmotorisch veranlagt“, meist als letzte in die Mannschaft gewählt, Typ Teilnehmerurkunde. In dem Jahr musste meine ganze Klasse am Borkener Citylauf teilnehmen. Die Distanz waren 2,5 km und ich erinnere mich dunkel daran, wie ich völlig außer Atem und mit puterrotem Kopf, quasi auf allen Vieren auf dem Marktplatz ins Ziel kam. Es war schrecklich.
Fast Forward zur Mitte 30-jährigen Eva, die – man kann es wohl so sagen – eine Läuferin geworden ist. Ohne Trainingsziel zwar, ohne schnelle Brille oder Marathon-Ambition. Aber mit einer Running-App auf dem Handy, die mir zu einem mehrwöchigen Streak gratuliert, und mit der Gewissheit, dass ich jederzeit 5 km aus dem Stand joggen kann. An guten Tagen auch deutlich mehr.
Diese Mitte 30-jährige Eva musste vor ein paar Monaten plötzlich wieder an den schrecklichen Citylauf damals denken. Wie wäre es wohl, den heute noch mal zu laufen – und dieses Mal würdevoll ins Ziel zu kommen?

Huch! (Screenshot aus meinem E-Mail-Postfach)
Alberne Ziele sind Ziele, die auf den ersten Blick keinen richtigen Zweck haben. Was wollte ich mir da beweisen in Borken? Ich hätte auch einfach bei einem Volkslauf hier in München mitmachen können, oder mich von meiner App zu einer etwas längeren Distanz als sonst triezen lassen.
Alberne Ziele sind Ziele, die dich scheinbar nicht weiterbringen, und sogar noch ein paar zusätzliche To-Dos auslösen. Ich habe mir frei genommen, einen Zug gebucht und meine Eltern wochenlang am Telefon gefragt, ob sie denn schon Schilder zum Anfeuern gemalt hätten ..? Denn
Alberne Ziele sind Ziele, die du übertrieben groß aufblasen solltest. Im engsten Freundeskreis habe ich geredet, als würde ich mich auf einen Ultramarathon vorbereiten. Auch mir selbst habe ich die Sache größer erzählt, als ich sie innerlich empfand. Weil alberne Ziele Spaß machen sollen. Ich habe dieses Ziel zu keinem Zeitpunkt so ernst genommen wie, sagen wir, meine KPIs auf der Arbeit oder die Abgabefrist für die Steuererklärung. Aber es war immer klar, dass ich durchziehen würde.
Alberne Ziele musst du dir nicht lang überlegen. Sie passieren dir. Es sind die freie Woche im Kalender, das lustige Video, das dir jemand schickt, der VHS-Kurskatalog, der dir in die Hände fällt, die Schnapsidee, die dir unvermittelt in den Sinn kommt – und über die du nicht lang nachdenken darfst, sonst verwirfst du sie wieder. Das erste, was sich an einem albernen Ziel albern anfühlt, ist, sich überhaupt darauf festzulegen.
Genau das habe ich Anfang dieses Jahres nicht nur einmal, sondern gleich drei Mal gemacht. Und erst vor ein paar Tagen wurde mir bewusst, dass ich alle meine albernen Ziele nun innerhalb weniger Wochen erreicht habe! Hier kommt ein Rückblick:
Das Ziel: noch einmal am Borkener Citylauf teilnehmen
Der Auslöser: Unterbewusst wollte ich vermutlich mein inneres Kind heilen? (Oder es zumindest überrunden)
Das braucht es für die Umsetzung: 12 Euro Startgebühr, Zugtickets, in den Wochen davor gezielteres Ausdauertraining bei meiner Joggingrunde.
Die Erkenntnis: Ich war viel schneller, als ich gedacht hätte! Sport kann Spaß machen (erst recht, wenn man ihn nicht kompetitiv betreibt). Selbst ohne Airpods ist Harry Styles ein guter Pacemaker. Auch als Erwachsene kann man seine Familie noch mit zu sportlichen Wettkämpfen nehmen und so gemeinsame Erinnerungen schaffen.

Geschafft! Der Kopf genauso rot wie damals, aber das Gefühl ein völlig anderes
Das Ziel: eine Überraschungsparty zu Papas Geburtstag schmeißen
Der Auslöser: Uns fiel kein anderes Geschenk ein.
Das braucht es für die Umsetzung: gut flunkern können. Eine geteilte digitale To-Do-Liste mit Mama und meiner Schwester. Ausreichend Platz für alle und einen halbgaren Plan B, falls es regnet. Nachbarn, die Bierbänke und Getränkekisten konspirativ in ihrer Garage verstecken. Eine gute Playlist und 30 mal den ausgedruckten Text von „Mit 66 Jahren“.
Die Erkenntnis: In der Gruppe fallen Dinge leicht, die man sich allein nicht zugetraut hätte (vor allem, wenn es in jedem Moment, in dem eine Person zweifelt, eine andere gibt, die umso fester daran glaubt). Auch, wenn das Bierfass in der hintersten, unwirtlichsten Ecke steht, werden immer ein paar Gäste genau dort versacken. Menschen sind anderen Menschen dankbar, wenn sie Anlässe für ein Zusammenkommen schaffen. Sofortbildkameras sind ihr Geld wert.

Kann mich bitte mal jemand kneifen?!
Das Ziel: mit Deutschland3000 auf dem Hurricane auftreten
Der Auslöser: Ich wollte ein bisschen Wirbel ins Team bringen und „Hurricane“ ist englisch für Wirbelsturm.
Das braucht es für die Umsetzung: Connections: „Das Beste am Norden“ ist, dass N-JOY offizieller Festival-Partner ist. Sehr. viele. Absprachen. Eine Crew, die richtig Bock hat. Einen Gast, der die stundenlange Anreise nach Niedersachsen in Kauf nimmt. Feuerfeste Sessel. Und mindestens SPF30. (Vielleicht das nächste alberne Ziel: Merch-Sonnencreme mit SPF3000 ..?)
Die Erkenntnis: Rockfestival und Interview-Podcast passen erstaunlich gut zusammen. Deutschland3000 macht noch viel mehr Spaß vor einem 1000-Leute-Publikum. Ralph Caspers hat ein STRONGES Schuh-Game. So viel zusätzliche Orga kostet Energie, aber das Ergebnis gibt dann auch ganz viel davon zurück. Es ist total ok, im Hotel und nicht im Zelt zu schlafen.
Für viele von uns ist das Leben in gewisser Weise gleichförmig: Wir gehen geregelt zur Arbeit, kümmern uns um den Haushalt, haben unseren Alltag mit Familie, Freunden, Hobbies. Aber wie unterscheidet man dann im Rückblick das 36. Lebensjahr vom 37. oder dem 41.? Die Journalistin Meike Winnemuth hat deswegen das Prinzip, jedem Jahr ein besonderes Projekt zuzuweisen. So lief sie den New York Marathon, trug 365 Tage lang das gleiche blaue Kleid, ging auf Weltreise (und schrieb darüber einen Bestseller).
Beim Schreiben dieses Newsletters merke ich: Offenbar war sie es, die mich zu meinen albernen Zielen inspiriert hat! Die waren natürlich längst nicht so aufwendig und groß wie eine Weltreise. Aber sie hatten dieselbe Funktion. Sie wurden eine Art Marker. Alberne Ziele garnieren den Alltag mit Erinnerungen. Sie führen zu unerwarteten Lernkurven und bereichernden Begegnungen, zu Dingen, die ich sonst nicht erlebt hätte. Ganz im Sinne von Roger Willemsen, der gesagt hat: „Das Leben kann man nicht verlängern, aber wir können es verdichten.“
Was wäre dein ✨ albernes Ziel ✨? Schreib’s mir! Ich lese alles. Und manchmal hilft es ja, jemandem davon zu erzählen, damit man’s dann auch wirklich macht ...
Deine Eva
P.S.: Du hast diese Mail weitergeleitet bekommen? Dann denkt wohl jemand, dass auch in dir ein albernes Ziel steckt 💌 Hier kannst du dich für den Newsletter anmelden – und es mir direkt verraten. Ich bin gespannt!