
Kennst du das Gefühl: Dass du den ganzen Tag Input hast und doch nichts davon übrig bleibt? Vielleicht bist du wie ich und hast in jedem freien Moment den Reflex, das Handy rauszuholen. Dann scrolle ich durch Instagram, tippe auf die Push-Notification einer Nachrichten-App, teile ein Tiktok-Video mit meiner Schwester – und merke irgendwann: Ich komme gar nicht mehr zu tieferem Denken oder echten Erkenntnissen. Brain Rot 3000? Ich glaube, mein Hirn ist zwar nicht verrottet, aber zumindest leicht angefault.
Das ist einer der Gründe, warum es diesen Newsletter gibt. Ich glaube nach wie vor, dass das Internet ein einmaliger Ort ist, um zu lernen und sich eine Meinung zu bilden – aber ich muss dafür weg von algorithmisch gesteuerten Feeds und For You Pages. Ich will mir mehr Zeit für einzelne Themen nehmen und konstruktivere Diskussionen führen, als in Kommentarspalten Platz haben. Bestenfalls entsteht rund um dieses Projekt also eine Community, die genau das sucht und füreinander sein kann. Und hoffentlich gehörst du dazu <3
Für die kommenden drei Monate habe ich mir vorgenommen, das hier als spielerisches Experiment zu sehen. Ohne Konzept oder Zahlen-Ziele. Du bist quasi live dabei, wenn ich verschiedene Dinge ausprobiere und herausfinde, was das hier sein könnte. Noch sind wir in diesem Verteiler erst um die 1200 Leute. Obwohl ich auf meinen anderen Kanälen oder im Fernsehen für viel mehr Menschen poste und sende, bin ich hier aufgeregter. Es fühlt sich einfach persönlicher an?!
Deshalb freue ich mich, wenn du mir auf meine Mails antwortest. Heute interessiert mich natürlich: Wenn es eine Brain Rot-Skala von 1 bis 10 gäbe – wo stehst du gerade? Und hast du schon rausgefunden, was dir dagegen hilft? Ich lese alles!
Deine Aufmerksamkeitsspanne ist nicht so kurz wie du denkst

Stell dir vor: Ein Restaurant ohne Speisekarten. Du setzt dich hin, öffnest deinen Mund und ein Roboterarm legt dir einen Bissen auf die Zunge. Du musst entscheiden, ob du diesen Bissen essen oder ausspucken willst. Dann bekommst du den nächsten. Das Restaurant misst, wie lange du jeweils kaust, und entscheidet danach, was es dir als nächstes gibt.
So funktionieren Social-Media-Feeds heute. Bauchschmerzen vorprogrammiert, oder?
Die Analogie stammt aus dem Youtube-Video What the actual science says about “brain rot”. Schicke ich dich jetzt auf eine algorithmisch gesteuerte Plattform, obwohl ich oben erst geschrieben habe, dass ich von denen wegkommen will? Ja! Sind es die 25 Minuten wert? Auch ja.
Das Team von Howtown guckt sich an, was die Wissenschaft über unsere Aufmerksamkeitsspanne herausgefunden hat. Vor allem die Untersuchungen dazu, was kurze, swipebare Videos mit uns machen, haben es in sich. Und ich liebe die selbstironischen Kommentare:

… daran arbeiten wir in den nächsten drei Monaten, ok?
„Die Polizei übt jetzt selbst die Gewalt aus, vor der sie dich eigentlich schützen soll“

Das arbeitet gerade in mir: Die erschütternden Bilder aus den USA, wo ICE-Beamte unzählige Menschen entführen, ihnen Gewalt antun – oder sie, wie Renée Good und Alex Pretti, sogar umbringen. Es sind Bilder und Clips, die ich wegswipen oder, um in unserem metaphorischen Restaurant zu bleiben, am liebsten ausspucken will.
Was diese Videos nicht können: mir die größeren Zusammenhänge vermitteln. Was will ICE wirklich? Warum vermummen sich die Beamten, obwohl das in den USA verboten ist? Wieso gibt es keine Konsequenzen für ihr Vorgehen? Um das zu beantworten, braucht es mehr Zeit. Der Journalist Max Fisher nimmt sie sich in dieser Doku.
Nach 43 Minuten verstehst du mehr. Und ja, ich schreibe bewusst „Doku“, weil ich dich zwar schon wieder zu Youtube schicke – aber verbunden mit der Idee, dieses sehr gute Stück Journalismus vielleicht in Vollbild auf deinem Sofa zu schauen. Lieber einmal tief eintauchen, als immer wieder für 30 Sekunden reingerissen zu werden. Danach fühlte ich mich weniger überfordert und besser informiert.
Offline-Leben
Im Postamt an einem anderen Ende der Welt schaue ich zu, wie der Mitarbeiter am Computer den ersten Chat-GPT-Absatz über eine lokale Sehenswürdigkeit auf ein Postkartenmotiv kopiert.
Ein Sonnenbrand, so rot und präzise, dass sich auf dem Rücken die Schleife ihres Bikinis genau nachvollziehen lässt. Sie sieht aus wie ein Geschenk.
Dieses Buch hat mich reingezogen, durchgeschüttelt, immer noch nicht losgelassen.
Wir teilen kaum ein Wort in keiner Sprache, aber miteinander Jenga nach falschen Regeln spielen – das können wir.
2022 gab es beim Weltwirtschaftsforum in Davos 16 Sitzungen zum Thema Klimawandel. Dieses Jahr waren es 4.
„Das ist ja eine schöne Überraschung, was machst du denn hier?!“ – „Ich wohn jetzt hier, und du?“ – „Na, das ist meine Bar!“ Darauf eine Shiso-Limonade.
Samstag Morgen mit Sonnenbrille im Bett. Draußen 0 Grad, im Herzen 29.
In letzter Zeit ertappe ich mich dabei, mehr Sorgen zu haben, wo Euphorie sein sollte, wenn andere von ihren Visionen und Projekten erzählen. Wo gibt es Größenwahnsinn im Nachfüllpack?
„Genauso hab ich mir den ganz normalen Mittwoch im Leben von Roger Willemsen vorgestellt: schreiben … bisschen was erledigen … und dann gut essen.“ 2014 beobachtete Katrin Bauerfeind das, zwölf Jahre später schreibe ich „Willemsen-inisierung“ auf die Vorsatzliste.
Das Jahr in einer Wüste aus Sand begonnen. Den Monat in einer Wüste aus Licht beendet.
Diese Woche habe ich fast jeden Tag einen anderen Bekannten getroffen, drei Packungen von dem guten Gouda gekauft, und meine Bildschirmzeit ist um 9% gesunken.
Das war’s! Newsletter Nr. 1 im neuen Jahr. Der nächste kommt vielleicht schon wieder in einem neuen Design, mit anderen Elementen (waren jetzt vielleicht auch schon zu viele, oder?), aber auf jeden Fall kommt er in zwei Wochen wieder. Vor ein paar Monaten hatte ich dazu eine Umfrage gemacht, und 40% von euch haben sich für eine zwei-wöchentliche Erscheinungsweise ausgesprochen. Falls du auch abgestimmt hattest: Danke für das wertvolle Feedback!
Schön, dass du dabei bist 💌
Deine Eva
„Wir sehen die Dinge nicht so wie sie sind. Wir sehen die Dinge so wie wir sind.”