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Hi, willkommen zurück im „langsamen Internet“!

Am Donnerstag habe ich mich erschrocken über die Nachricht, dass das ZDF einen Auftritt der beiden Musiker Danger Dan und Igor Levit unterbunden hat. Sie sollten kommenden Dienstag in der 100. Ausgabe der „Anstalt“ Danger Dans neuen Song „Keine Angst“ spielen. 

Die beiden Musiker machten die Ausladung öffentlich und schrieben: „Dieser Eingriff in die Meinungs- und Kunstfreiheit ist skandalös.“ Der Sender erklärte, dass der Song möglicherweise im Widerspruch zu den ZDF-Programmrichtlinien stehe, und dieser Widerspruch im Rahmen der Sendung nicht aufzulösen sei. In den Kommentarspalten ging die Aufregung los, noch bevor jemand das Lied überhaupt gehört hatte.

In der Nacht auf Freitag veröffentlichte Danger Dan es dann, zum Beispiel hier auf YouTube. Ich war noch wach und hatte beim Schauen direkt ein Throwback.

Throwback: 2023 war ich bei einem von Danger Dans Geburtstagskonzerten in der Wuhlheide

„Keine Angst“ knüpft stilistisch an sein Solo-Album von 2021 an: Bitter bis bissig besingt er die gesellschaftlichen Zustände in Deutschland und begleitet sich am Klavier. Die Lyrics scheinen juristisch ähnlich fein ausgelotet wie bei seinem Hit „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“.

Ich konnte mir schnell vorstellen, warum das Lied im ZDF für Diskussionen gesorgt hat.

Es ist eine Anleitung zum antifaschistischen Widerstand. Darin: Andeutungen, dass dieser Widerstand auch gegen Gesetze verstoßen dürfe:

Lasst euch nicht erwischen, schaut nach Überwachungskameras
Nie ohne Handschuh, nie 'nen Fingerabdruck hinterlassen
Und erst recht nie filmen und niemals ein Foto davon machen
Von Aktionen nur denen, die selbst dabei waren, erzählen
Es geht um linke Straßenpolitik und nicht um Fame (...)
Werdet dreist, delinquent, akribisch und kreativ

Oder dass er mit Gewalt geschehen solle:

Keine Angst, nehmt es selber in die Hand
Die sehen gefährlich aus, aber wir legen sie lang
Koordiniert euch, fangt an zu trainieren
Wenn ihr zusammen kämpft, dann kann es funktionieren

Auch von „Outing-Aktionen“ ist die Rede; davon, dass man Informationen sammeln solle: 

Findet raus, wer sie sind, was sie tun, wo sie leben, wo sie arbeiten
Und findet raus, mit wem Sie sich umgeben (...)
Holt den Papiermüll ab, lauft Ihnen nach
Zu Ihren Häusern, ihren Wohnungen, den Treffpunkten und Bars
Meldet euch bei jeder Singlebörse an
Irgendwie und irgendwann, kommt man an jeden Nazi ran

Ich stellte mir kurz vor, derselbe Song wäre nicht gegen Rechts gerichtet, sondern gegen mich. Wenn es darin um das Verfolgen und „Langlegen“ nicht von „Faschos“, sondern Journalistinnen und Journalisten ginge, dann hätte ich jetzt Angst. Ganz entgegen dem Refrain „Keine Angst, keine Angst, keine Angst!“ – den ich, stünde ich wieder auf einem Danger Dan-Konzert, trotzdem mitsingen würde. 

Ich glaube, dass viele Menschen in Deutschland gerade Angst haben. Angst vor Diskriminierung, weil sie einer Minderheit angehören, vor Ausgrenzung und Spaltung, Angst davor, nicht mehr sagen zu können, was sie denken. Und nicht zuletzt Angst vor zunehmender Gewalt. Da tut es gut, wenn jemand voller Überzeugung sagt: „Keine Angst, keine Angst!“ Wenn man zusammenstehen und diese Zeile singen kann, und einander so als Gemeinschaft bestärken. 

Seit 1968 ist in unserem Grundgesetz das Recht auf Widerstand verankert.

„Gegen jeden, der es unternimmt, diese [verfassungsmäßige] Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

Artikel 20 Abs. 4 GG

Dieses Recht gilt als ultima ratio, als letztes Mittel, wenn alle anderen Möglichkeiten (wie Klagen, Demonstrationen, Petitionen) nachweislich ausgeschöpft sind und versagt haben. Das war in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie der Fall. Ich bin mir sicher: Auch heute sind wir noch sehr weit davon weg.

Es ist eine Provokation, ein Grenzen Austesten, wenn Danger Dan am Ende seines Songs „liebe Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk“ ausrichtet – und dann im SPIEGEL-Interview sagt, diese Namen seien „komplett austauschbar“.

Auf die Frage, ob er linke Gewalt gegen Rechtsextreme befürworte, antwortet er: „In den vergangenen Jahren haben sich zahlreiche neue Neonazigruppen gegründet, um die sich irgendwer kümmern muss. Der Staat versagt, und an der Zivilgesellschaft bleibt es hängen. Ich glaube, es ist wichtig, sich solchen Leuten in den Weg zu stellen. Und wenn man das tut, sollte man darauf vorbereitet sein, dass sie irgendwann kommen.“

Ich will nicht, dass Gewalt mit Gewalt beantwortet wird. Wo führte das hin? Dabei muss ich an dieses Buch denken: „Februar 33“ von Uwe Wittstock.

Wittstock erzählt anhand der Biografien berühmter deutscher Schriftsteller wie Thomas Mann, Else Lasker-Schüler und Bertolt Brecht, wie sich innerhalb eines Monats die politische Lage in Deutschland dramatisch veränderte. Wie sich ein Rechtsstaat rasend schnell in eine Gewaltherrschaft verwandelte.

Am Ende jedes Kapitels, die immer einem Tag im Februar 1933 entsprechen, listet der Autor Vorfälle von Gewalt auf, die sich an dem jeweiligen Datum in Deutschland ereignet haben. 

Das Buch hat mir auf eine neue Weise bewusst gemacht, wie brutal diese Zeit war. Wie viel Gewalt damals „in der Luft lag“. Ich bin froh, dass unsere Gegenwart nicht dermaßen gewaltvoll ist. Aber sie ist leider auch längst nicht frei davon.

Das Team der „Anstalt“ schreibt in seinem Statement, es empfinde die Entscheidung des ZDF als „mutlos – gerade jetzt, wo rechtsextreme Gewalt wieder stark zunimmt. Wir hätten es als öffentlich-rechtliche Pflicht angesehen, das Lied zu präsentieren und danach zu diskutieren.“

Kontroverse Kunst schärft unsere demokratischen Sinne. Sie fordert uns in der Frage heraus, was wir als Einzelne für richtig und falsch halten, und was wir als Gesellschaft tolerieren wollen und was nicht. 

  • Ist dieses Lied ein Aufruf zur Gewalt?

  • Fällt ein Aufruf zur Gewalt unter die Kunstfreiheit?

  • Welche Kunst sollte im öffentlich-rechtlichen Rundfunk stattfinden und wie?

  • Hat das ZDF zensiert (und den Künstlern damit vor allem sehr gute Promo beschert)?

  • Und vor allem: Wie bekämpfen wir Rechtsextremismus?

Ich bin gespannt, wie diese Fragen in den kommenden Tagen diskutiert werden. Ich bin gespannt auf „Die Anstalt“, deren 100. Folge heute veröffentlicht werden soll. Und ich bin gespannt auf eure Gedanken zu alldem 📭

Mein Leser Franz hat mir gestern geschrieben, dass Künstler wie Danger Dan für ihn „ziemlich wichtige Funktionen bei uns in der Gesellschaft [erfüllen], weil sie einen irgendwie aus dieser Ohnmacht befreien, die man üblicherweise hat, wenn man sich diesen ganzen Rechtsruck anschaut. (…) Das heißt ja nicht, dass ich genau das, wie er es da beschreibt, auch machen werde und jetzt hier eine Antifa-Gruppe gründe. Aber grundsätzlich einfach diese Hoffnung, selbst aktiv werden, selber für die Zivilgesellschaft was tun“ – dazu fühle er sich ermutigt.

Danke fürs Lesen 💌
Deine Eva

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„Ich glaube, nichts Lebendes kommt heute um Politik herum. Die Weigerung ist auch Politik; man treibt damit die Politik der bösen Sache.“

— Thomas Mann an Hermann Hesse, April 1945

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