2019 war Collien Fernandes zu Gast in meinem Podcast

„Wenn ich dir eine Twitter-Bio schreiben würde“, sagte ich damals zu ihr, „stünde da wahrscheinlich ‚Moderatorin, Schauspielerin, Autorin’, vielleicht noch ‚Mutter’. Dann habe ich geguckt, was deine wirkliche Twitter-Bio ist, und da steht: ‚Immobilienbesitzerin, Ehefrau, neu bei Twitter’.“ 

„Ja, mein Mann hat für mich den Twitter-Account angelegt“, antwortete Collien. „Das hat er da hingeschrieben. Ich hätte, glaube ich, ‚Ehefrau’ da nicht mit … aber das war ihm wichtig. Und er hat auch das Fernandes weggelassen. Er hat mir auch mein Instagram damals eingerichtet. Wenn mein Mann was einrichtet, erkennt man das immer daran, dass das Fernandes fehlt. Da steht dann nur noch Collien Ulmen.

„Oh, ist er kein Fan von deinem Doppelnamen?“

„Er hätte sich auf jeden Fall gewünscht, dass ich nur Ulmen heiße und nicht Ulmen-Fernandes.“

„War das eine Diskussion oder hast du ihn da vor vollendete Tatsachen gestellt?“

„Nee, das war für mich ganz klar, dass ich den Doppelnamen annehme, aber das haben ja Männer manchmal, dass sie gern so ihren Stempel drauf machen. „So, jetzt meins!“ Und ihm wäre Ulmen, nur Ulmen, lieber gewesen.“

Heute erscheint diese Stelle in einem völlig anderen Licht.

Warum uns Colliens Geschichte so bewegt

Seit Jahren macht Collien Fernandes auf digitale Gewalt aufmerksam. Sie spricht in Interviews darüber, beteiligt sich an Aktionen wie „Männerwelten“ und unterstützt Initiativen wie HateAid. Sie hat eine zweiteilige Doku über Deepfake-Pornos mit dem ZDF gemacht. Nichts davon hatte auch nur annähernd einen so großen Effekt wie der Spiegel-Titel (+) vergangenen Donnerstag. „Die Entrüstung über den Vertrauensbruch in einer Ehe und die Enttäuschung über einen zuvor gefeierten Mann scheinen also zentraler als die Gewalt selbst“, sagt die Sexual- und Medienpädagogin Madita Oeming dem RND (+)

Ich glaube zudem, dass die Prominenz der beiden Personen, um die es geht, und dass wir das Gefühl haben – bzw. hatten – sie zu kennen, uns allen vor Augen führt: Diese Form(en) von Gewalt werden nicht von Fremden ausgeübt. In der Vergangenheit habe ich mich selbst oft auf diesen Gedanken zurückgezogen, wenn mir Hass und Beleidigungen im Netz entgegen schlugen: dass das irgendwelche armen, sozial isolierten Trottel seien, die in dunklen Zimmern von ihren Bildschirmen angeleuchtet werden. 

Keine Ahnung, woher dieses Bild in meinem Kopf kommt … oh

Aber es kann eben auch der Partner, der Kollege, der Mitschüler, der alte Freund sein. Der, von dem man es zuallerletzt gedacht hätte.

Spätestens ab dieser Erkenntnis ist die Gefahr, Opfer zu werden, nicht mehr an eine gewisse Exponiertheit oder Prominenz gebunden. Es kann jede Einzelne von uns treffen. Deshalb wird uns so schlecht beim Lesen der Berichterstattung. Deshalb sind wir so wütend.

Was können Männer tun? 

Komm, wir teilen uns einmal kurz auf, für ein Gedankenexperiment 💭 

Falls du ein Mann bist: Würden sich die Frauen in deinem Umfeld dir anvertrauen, wenn ihnen etwas Ähnliches passierte wie Collien Fernandes? Wie sicher bist du dir mit deiner Antwort?

Falls du eine Frau bzw. Person bist, die sich explizit nicht als Mann identifiziert: Angenommen, dir selbst würde so etwas passieren (und ich hoffe innig, dass alle, die hier mitlesen, das tatsächlich nur hypothetisch durchspielen müssen), wem würdest du dich anvertrauen?

Meine persönliche Antwort: nahezu allen Frauen in meinem Freundeskreis. Aber längst nicht allen Männern. Was macht den Unterschied?

Bei welchen meiner männlichen Freunden fühle ich mich in solchen Belangen sicher und warum? Zu denjenigen, die mir direkt in den Sinn kamen, fielen mir bei genauerem Nachdenken zahlreiche, vermeintlich kleine Handlungen und Situationen wieder ein: Wie er mal einen Kumpel zurechtwies, als der einen sexistischen Witz machte. Wie er eine Kollegin im Büro in einer schwierigen Situation stärkte. Dass er letzte Woche seine Schwester angerufen hat, um zu fragen, wie es ihr mit dem Fall Fernandes gehe.

In der Summe wurde ersichtlich, was es ist, das einen Freund für mich zu einem „sicheren“ Freund macht: 

  • Er hat in der Vergangenheit Geschichten wie die von Collien Fernandes oder verwandte Themen von sich aus angesprochen und den Austausch dazu gesucht.

  • Ich habe mitbekommen, was er so liest und hört, wem er auf Social Media folgt und ggf. was er dort teilt – dass er sich mit seiner Männlichkeit, mit Sexualität und Geschlechterbildern in unserer Gesellschaft aktiv auseinandersetzt.

  • Er ist ein guter, empathischer Zuhörer.

  • Er hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Er schaut und hört nicht weg, sondern verteidigt Schwächere gegen Starke.

  • Er ist generell aufmerksam für seine Mitmenschen und zur Stelle, wenn sie Hilfe benötigen.

Aber auch, wenn diese Punkte das vielleicht suggerieren: Ein „sicherer“ Freund zu werden ist nichts, was man abhaken kann wie eine To-Do-Liste. Es sind konkrete Handlungen, die zur Praxis werden müssen. Es ist ein stetiger Prozess, den ich als Frau wahrnehmen muss. (Und den wir im Übrigen durchschauen, wenn er bloß performt wird.) 

Das ist das Mindeste, was Männer tun können.

Es schützt noch nicht vor Gewalt, es reguliert Deepfake-Porn nicht weg. Aber es sorgt vielleicht dafür, dass die Empörung sich hält. Dass nicht noch ein Opfer an die Öffentlichkeit gehen muss, damit wir als Gesellschaft den Ernst der Lage begreifen. Dass der Druck auf die Politik zunimmt. Dass die Täter sich verdammt nochmal in Grund und Boden schämen.

Kannste dir nicht ausdenken: Mein Blick aus der Mannheimer DB Lounge, während ich diese Zeilen schreibe.

Epstein, Pelicot, Fernandes

Diese drei Fälle (hinter denen sich unzählige mutmaßliche Täter und Mitwisser verbergen) werden in den letzten Tagen oft zusammen genannt. Marie Lina Smyrek bringt auf den Punkt, warum: „Wenn das alles stimmen würde, dann würden sich Männer den Körper von Frauen in gewaltvoller Art und Weise aneignen und über ihn verfügen zur Bereicherung anderer Männer, als wäre es eine Ware. Ein Angebot, das in diesem Fall angenommen wird von anderen Männern aus ihrem beruflichen und privaten Umfeld.“

Vielleicht geht es dir wie mir: Die Schlagzeilen über Epstein bekomme ich zwar schon seit Monaten mit. Aber ich habe nie den Einstieg gefunden, mich damit wirklich auseinanderzusetzen. Vielleicht habe ich mich auch davor gedrückt, weil ich Angst hatte, was mich erwartet. Wer war dieser Mann? Wie konnte er über so viele Jahre einen Ring zur sexuellen Ausbeutung junger Frauen betreiben – mitten in der globalen Elite, und alle sahen weg?

Wir sortieren diese Fragen in der neuen Deutschland3000-Folge. Dafür war Annette Kammerer vom NDR zu Gast, die als Investigativreporterin seit Wochen in und zu den Epstein-Files recherchiert. Außerdem US-Korrespondent Samuel Jackisch, der die amerikanische Perspektive mitbrachte. Ich hatte einige 🤯-Momente in dem Gespräch, aber am Ende auch endlich einen Überblick über diesen Fall, der uns noch lange beschäftigen wird.

Jetzt bin ich so richtig mies drauf

… dachte ich, als ich nach alledem gestern auch noch die Aussagen von Friedrich Merz hörte. Gefragt nach Gewalt gegen Frauen konnte der Kanzler es nicht bleiben lassen, direkt auf Zuwanderung zu verweisen. Es bräuchte eine eigene Newsletter-Ausgabe, um aufzuzeigen, was daran alles problematisch ist.

Stattdessen möchte ich dir (und ihm!!) zum Schluss eine Doku empfehlen, die mich aus meinem Stimmungstief wieder herausgeholt hat ❤️

Dazu reisen wir ins Island von 1975. Am 24. Oktober traten die Frauen dort in einen Streik. Sie gingen nicht zur Arbeit, sie erledigten keine Hausarbeit, sie kümmerten sich nicht um ihre Kinder. Sie brachten ihr Land zum Stillstand. So wollten sie auf Gehaltsunterschiede und unfaire Arbeitsbedingungen aufmerksam machen. Vor allem wollten sie zeigen, dass Frauen unverzichtbar für die isländische Wirtschaft und Gesellschaft sind.

Es war ein historischer Tag. Ein Jahr später wurde Gleichberechtigung in Island gesetzlich verankert. Fünf Jahre später wurde Vigdís Finnbogadóttir die erste demokratisch gewählte Präsidentin der Welt. Heute sind laut einer WEF-Studie Frauen und Männer nirgendwo auf der Welt so gleichberechtigt wie in Island.

Im Film erzählen zahlreiche Zeitzeuginnen, wie sie „Kvennafrídagurinn“, den Freien Tag der Frauen, erlebt haben. Da fallen viele weise Sätze. Dieser hier tat mir besonders gut:

Es ist ein klassisches Schema: Erst ignorieren sie dich. Dann lachen sie dich aus. Dann bekämpfen sie dich. Und dann gewinnst du.

Danke, dass du bis hier gelesen hast! Ich melde mich in zwei Wochen wieder 💌
Deine Eva

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