
Hi, willkommen zurück im „langsamen Internet“!
Auf Tiktok gibt es seit ein paar Jahren das geflügelte Wort vom „Main Character“: Du sollst dein Leben leben, als wärst du der oder die Hauptdarstellerin in einem Film. Ich mochte den Gedanken lange (sah mich selbst immer wie eine Mischung aus Meg Ryan in „E-Mail für dich“ und Joseph Gordon-Levitt in dieser Musical-Szene aus „500 Days of Summer“).

Aber in letzter Zeit frage ich mich: Ist es nicht eher umgekehrt – die Welt ist die Hauptdarstellerin, und ich darf ihr zusehen?
Mein Eindruck ist, dass viele von uns sich stark vereinzeln: Selbstoptimierung und -tracking ersetzen Religion und die damit verbundenen Gemeinschaften, die per App gebuchte Yoga- oder Cycling-Stunde ersetzt eine Vereinsmitgliedschaft, Youtube die Volkshochschule, Lieferdienste den schnellen Gang in einen Imbiss oder Laden …
Unsere Gesellschaft baut stetig Möglichkeiten ab, uns im analogen Leben zu begegnen. Das betrifft besonders all jene Gelegenheiten, die zu Zufallsbegegnungen zwischen verschiedenen Generationen und Milieus führen. Und damit genau diese „kleinster gemeinsamer Nenner“-Momente, die eine Gesellschaft zusammenhalten.
Was, wenn du doch nicht der Main Character bist?
Nun ist das natürlich nicht die Intention der „Main Character“-Videos auf Tiktok. Da geht es darum, das eigene Leben etwas größer zu erzählen, sich auch mal was zu trauen und nicht zu ernst zu nehmen, was andere denken. Aber wenn wir unsere Mitmenschen zu Nebendarstellerinnen und Nebendarstellern degradieren … macht uns das nicht einsam?
Seit ich auf die Welt gekommen bin, hat sich die Art, auf die wir Menschen uns und unsere Umwelt wahrnehmen, massiv verändert. Google Maps ist Schuld.
Früher nutzte man Landkarten analog: Jedem Auffalten folgte zunächst die Suche nach dem eigenen Standpunkt oder einem anderen Orientierungspunkt, um von da aus Wege und Entfernungen einschätzen zu können. Wir schauten von oben auf die Welt (bzw. einen Ausschnitt davon), ohne uns selbst darin zu sehen.
Fast Forward digitale Karten: Wir öffnen die App oder starten das Navi und sehen zuallererst uns selbst, als kleinen blauen Punkt*, an dem die komplette Welt ausgerichtet ist. Unsere Blickrichtung bestimmt die Richtung der Karte, unsere Verortung bestimmt den Ausschnitt. Wir sehen uns buchstäblich als Zentrum der Welt.

Das Prinzip Google Maps: Du kannst rauszoomen, so weit du willst,
und bleibst doch immer das Zentrum der Welt.
Das wurmt mich. Nicht nur leidet mein Orientierungssinn massiv. Ich mache mir auch (zu?) viele belastende Gedanken darüber, wer ich sein will, mit was für einer Erzählung, und was ich dafür tun müsste. Seit Monaten habe ich keine knackige Antwort auf diese Fragen und zergrübel-strudele darüber gerne mal. Dabei ist doch gerade alles gut so, wie es ist?
In den etwas weniger düsteren Momenten kann ich diese Fragen wegschieben und stattdessen schauen, was um mich herum passiert. Wo ich etwas beitragen kann. Wer gerade Hilfe benötigt. Wann es etwas zu lernen gibt, das ich vielleicht gar nicht direkt brauche, aber trotzdem interessant finde.
Ich genieße es, nicht der „Main Character“ zu sein, sondern eine Beobachterin. Die Nebendarstellerin im Leben von anderen, wenn man so will. Vielleicht sogar: einfach bloß die Komparsin, zum Beispiel in einer Doku über den tollen Park vor meiner Tür, der sich gerade mit aller Kraft in den Frühling wirft.
Kannst du damit etwas anfangen? 📭 Antworte mir gerne auf diese Mail, ich lese alles!
Frühjahrsputz 3000

Einer von uns wird in diesem Gespräch das Wort Käsesuppe sagen
*Apropos kleiner blauer Punkt: Anfang April ist der Youtube-Kanal von meinem Interview-Podcast Deutschland3000 gestartet und der erste Gast war … ein blauer Punkt! Dieser Punkt heißt Jonas. Niemand kennt sein echtes Gesicht, aber Millionen Menschen lieben seine Stimme. Warum?
„Are you saying the map is wrong?“ – „Oh dear, yes!“
Weil wir es eben von Landkarten hatten, MUSS ich noch ein weiteres Video in diese Mail packen: einen Ausschnitt aus der US-Serie „The West Wing“. Nachdem ich die gesehen hatte, wollte ich ein paar Wochen lang Redenschreiberin werden (quasi die Nebendarsteller des Politikbetriebs!), aber das ist ein anderes Thema.

„You're probably wondering what all of this has to do with social equality.“ –
„No, I'm wondering where France really is?!“
In der Szene treffen die Pressesprecherin und der stellvertretende Stabschef des Weißen Hauses auf eine Gruppe von Wissenschaftlern, die sich dafür einsetzen, unsere gewohnten Weltkarten auszutauschen. Das ist auf den ersten Blick lustig, auf den zweiten Blick relevanter als je zuvor. Ein großes Lehrstück darüber, wie Kartografie unseren Blick auf die Welt prägt, und damit auch unser Gefühl für soziale (Un)Gleichheit:
Offline-Leben
Mein Jahresprojekt (oder Lebensprojekt?) ist, Münchner Freundschaften zu vertiefen. Deshalb freue ich mich so über das nächste Mittagessen mit B.. Anderthalb Stunden lang schwingt diese Unterhaltung wie ein fröhliches Äffchen von Ast zu Ast.
Freitag Nacht: Die Vorstellung, dass wir nicht nur hier, auf dieser Geburtstagsparty gerade, sondern auch in 20 Jahren noch lauthals mitsingen werden, wenn jemand „Mit Dir“ von Freundeskreis auflegt, macht mir ein ganz warmes Gefühl.
Derweil jogge ich gerade besonders gern zu den ersten beiden Songs des neuen Harry-Styles-Albums. Und bekomme Berlin-Wehmut, wenn er von Feiern und Freiheit dort erzählt.
Lebensziel Hängematte in der Küche
„Future is not what’s ahead. It is what's in the head“, sagt der Salongast vor der Sicherheitskonferenz. Die Zukunft existiere immer nur in unseren Gedanken, unserer Vorstellungskraft. Denn „wenn sie DA ist, ist sie Gegenwart.“
Milonga oder wie ich übe, mein Denken zu pausieren.
Diese deutsche Serie aus den 80ern zum Runterkommen
„Griffkraft“ ist ein komisches Wort. „Und Gebüsch! Ist dir schonmal aufgefallen, was „Gebüsch“ für ein komisches Wort ist?“, fragt J., als ich von der Klimmzugstange falle.
L.s Trick ist, als Passwörter statt loser Zahlen- und Buchstabenfolgen persönliche Affirmationen festzulegen: you!can!do!this123
Diese Woche habe ich drei Tage klang heftigen Muskelkater in den Armen gehabt (dafür bald Bizeps3000?!), einen kleinen Origami-Zoo gefaltet, und meine Bildschirmzeit ist um 12% gesunken.
Schön, dass du hier mitliest 💌
Deine Eva
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