Was würdest du aus deiner brennenden Wohnung retten? Klick mal direkt auf Antworten 📲 und schreib mir das erste, was dir in den Sinn kommt! Ich verrate nachher auch, was es bei mir wäre (und wie ich überhaupt auf diese Frage komme).

Aber erstmal: willkommen zurück im „langsamen“ Internet, in diesem kleinen Newsletter, der – frei von Algorithmen und Clickbait – zum Nachdenken einlädt. In der letzten Folge ging es darum, wie wir uns gegen Brain Rot wehren können. Ab jetzt will ich mich den Hirn-Kapazitäten widmen, die dadurch hoffentlich frei geworden sind. Was machen wir mit ihnen?

Ich hab mir das Denken abgewöhnt. 

Mein Alltag ist voll mit Input, der kaum verarbeitet wird. Das will ich ändern! Und da kommt Schreiben ins Spiel. Ich habe enormen Respekt vor Texten und Menschen, die guten Text verfassen können. Aber Autor*innenschaft ist nicht denen vorbehalten, die das beruflich machen. Wir alle sollten schreiben.

Schreiben, nicht, um gelesen zu werden. Sondern, um unsere eigenen Gedanken festzuhalten (damit sie nicht verloren gehen), loszuwerden (damit sie uns nicht nachts wachhalten), zu ordnen (damit sie vielleicht zu neuen Gedanken führen). Schreiben nur für uns.

2024 habe ich eine viermonatige Auszeit genommen. Ich bin auf eine lange Reise gegangen, von der ich ganz bewusst nie irgendwo erzählt habe. Mit im Gepäck: ein mintgrünes Notizbuch, das ich mal geschenkt bekommen hatte. (Als Journalistin bekommt man ziemlich oft Notizbücher geschenkt.) 240 „elfenbeinweiße“ Seiten, mit Lesebändchen und so einem Kasten auf der ersten Seite, in den man seine Adresse einträgt, „in case of loss“.

Ich hatte gedacht, dass ich während meiner Reise auf jede Menge schlaue Gedanken kommen würde – dass mich der Abstand zu Zuhause plötzlich klar sehen lassen würde, die Fremde inspirierend wäre, dass da endlich die Essay-Sammlung entstehen würde, nach der Verlage mich manchmal fragen.

Spoiler: hat nicht geklappt.

Nach den ersten Wochen, in denen ich abends aufschrieb, was ich gesehen und unternommen hatte, kam mir das alles richtig profan vor. Meine Beobachtungen auf den ersten 30 Seiten hatten keinen roten Faden, keine große Erkenntnis. Sie waren eine nette Reisebeschreibung zwischen eingeklebten Zugtickets und Restaurant-Visitenkarten.

Aber drei Monate und nochmal 160 Seiten später waren sie auch: ein Zeugnis. Das einzigartige Souvenir einer Zeit, in der ich ein paar Dinge verarbeitet, Lebensfragen gewälzt und auch einfach tolle Sachen erlebt hatte. Je dicker und schmuddeliger die Kladde wurde, desto wertvoller wurde sie für mich. Weil darin festgehalten ist, wer ich damals war.

Heute liegt das Buch im Bisley neben meinem Schreibtisch, in der zweiten Schublade von unten, vergraben unter anderen Notizen. Seit meiner Reise habe ich es vielleicht drei oder vier Mal aufgeschlagen und festgestellt: Aus vielen losen Texten ist trotzdem sowas wie ein Werk geworden. Ich lese das heute lieber als damals. Und: Heute lese ich auch heraus, welche Erkenntnisse ich damals hatte (oder im Begriff war zu haben).

Wenn du mich also fragen würdest, was ich aus meiner brennenden Wohnung retten würde? Es wäre dieses Buch. 

Schreibe ich seitdem regelmäßig Tagebuch? Nein. Das Ritual ist mir verloren gegangen. Ich suche nach anderen Arten, Schreiben in meinen Alltag einzubauen. Eine davon ist dieser Newsletter. 

Was ich auch längst in meinen Alltag eingebaut habe: KI-Agenten. Wo immer ich bei meiner Arbeit ins Stocken gerate, frage ich fix Claude oder ChatGPT. Sie ordnen meine Recherchen, schärfen Formulierungen, zeigen Zusammenhänge auf und fassen alles in praktischen, schnell scanbaren Listen zusammen. Sie produzieren Text, der genauso snackable ist wie der Content, der auf Instagram unsere brains „rotten“ lässt.

Ich will mich neuen technologischen Entwicklungen nicht verweigern und dadurch womöglich den Anschluss verpassen. Ich finde es spannend, auszuprobieren, was mit diesen Modellen alles geht. Aber ich will auch nicht das Denken verlernen.

Für diese Mail an dich verzichte ich ganz bewusst auf KI. Denn: Die mühsame Suche nach den passenden Worten, dem zündenden Argument oder dem Übergang zwischen zwei Absätzen, genau das ist ja Denken! Und das sollten wir nicht an Technik-Tools abgeben, nur, weil die es scheinbar schneller und kompakter können. 

Deswegen ist dieser Text jetzt auch doppelt so lang geworden, wie ich geplant hatte. (Und du siehst nicht mal die ganzen Zeilen, die ich zwischendurch feierlich wieder gelöscht habe, weil sie einfach keine ganzen Sätze werden wollten.)

Du hast bei meinem Denkprozess mitgelesen. Und erstaunlich lange durchgehalten, danke! 

Inzwischen sind in diesem Verteiler schon über 2500 Leute (vor 4 Wochen waren es noch halb so viele!) und ich frage mich gerade, ob ich das wirklich abschicken sollte. Denn wieder mal kommt mir mein Text ziemlich profan vor. Aber ich habe die Hoffnung, dass sich in einigen Wochen, wenn auf diese Mail noch ein paar weitere gefolgt sind, ein roter Faden ergibt, und vielleicht die eine oder andere Erkenntnis. Hoffentlich auch für dich.

Diese Woche habe ich erfolgreich eine Erkältung in Schach gehalten, mich über diesen herrlichen Elton-John-Clip gefreut, und meine Bildschirmzeit ist um 24% gestiegen.

Ich freu mich auf dich in zwei Wochen 💌
Deine Eva

P.S.: Falls du diese Mail weitergeleitet bekommen hast, kannst du dich hier für die nächste Ausgabe anmelden.

„Ich hatte immer das Gefühl, erst wenn ich Dinge genau bezeichnen kann, besitze ich sie auch. Einmal suchte ich den richtigen Ausdruck für eine Vor-Gewitter-Stimmung in den Straßen Bangkoks und schrieb schließlich: »In den Häuserschluchten räuspert sich der Donner.« Erst mit dem Wort »räuspern« stellte sich die Empfindung ein, in der Passform meines Erlebens angekommen und im Besitz von mehr Welt zu sein.“

— Roger Willemsen

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