
Ihr habt mich ERWISCHT.
Heute habe ich zum ersten Mal seit Wochen in mein Newsletter-Postfach geschaut und das hier von meinem Leser Ram gefunden:

Ich musste lachen und weinen gleichzeitig. Lachen, weil das Meme so lustig ist und ich mich immer sehr über eure Mails freue. Weinen, weil ich eh schon ein schlechtes Gewissen hatte – und es mich rührt, dass überhaupt jemandem auffällt, dass ich meinen selbstgewählten Rhythmus nicht einhalte.
Von Februar bis April hatte ich mir jede Woche einen Tag für diesen Newsletter geblockt. Als Testzeitraum sozusagen. Kaum war der rum, füllte sich der Kalender schneller mit anderen Dingen, als ich „Check deinen Spam-Ordner!“ sagen kann.
Ich habe Vizekanzler Klingbeil interviewt, einen Podcast Award für „Battle of the Nerds“ gewonnen und hatte eine wunderbare Begegnung mit Mirella Precek und Louis Klamroth bei Deutschland3000. In unserem Gespräch ging es unter anderem um die (erstaunlich vielen) Gemeinsamkeiten von Polit-Talk und Reality TV:
Das klingt nach viel. War es auch. Deshalb hatte ich danach erstmal Urlaub.
Ich war eine Woche in England und habe da den Altersschnitt runtergezogen. Zugegeben, das tut man als 35-jährige in jedem europäischen Land. Aber ich habe das, obwohl es eigentlich nicht der Vorsatz war, wirklich besonders ausgiebig gemacht. Es dauerte ein paar Tage, dann fiel mir auf: Bei allem, was ich unternahm, waren um mich herum vor allem Seniorinnen und Senioren.

„Margot, guck doch mal, so viele tolle Stauden!“
Ich liebe Gärten, damit fängt’s schon an. Die Engländer haben eine ganz eigene Gartenkultur, die die strikt förmlich angelegten Barockgärten des 17. Jahrhunderts zu Gunsten des sogenannten Landschaftsgartens hinter sich ließ und in den letzten Jahrzehnten die „New Perennial“-Bewegung mit begründete. Don’t get me started ...
Jedenfalls, um möglichst viel davon zu sehen, habe ich mir einen Explorer Pass vom National Trust gekauft. Die gemeinnützige Organisation kümmert sich um viele der alten herrschaftlichen Estates, die der englische Adel nicht mehr bewirtschaftet, und macht sie als Museen zugänglich. Im Grunde kann man da jeden Tag eine kleine Downton-Abbey-Zeitreise unternehmen – splendid!

Seit jeher bin ich auch Team Tee und nicht Team Kaffee. Also war ich nachmittags in Tea Rooms, habe da gelesen und Scones verputzt. Very relaxing!
Übernachtet habe ich in schnuckeligen Bed & Breakfasts, in denen morgens Eier, Baked Beans und Toastbrot in so einem Scheibe-für-Scheibe-Aufsteller serviert wurden. An all diesen Orten: nur deutlich ältere Leute um mich rum.
Andere gehen im Urlaub Party machen, legen sich an den Strand oder hunderte Kilometer mit ihrem Rennrad zurück. Aber ich werde offenbar zur Rentnerin?!

Bitte berechnen Sie den Altersdurchschnitt der Menschen (und gerne auch der Bäume) in diesem Bild
Heute vor einer Woche stand ich am frühen Abend im Hafen von Falmouth. Das ist eine kleine Stadt im unteren linken Zipfel von England, der Gegend, die durch die Rosamunde-Pilcher-Filme in Deutschland berühmt wurde (...)
Ich war auf der Suche nach einem leckeren Abendessen. In der Marina blieb ich kurz stehen und sah einer Gruppe von jungen Frauen zu, die in Neoprenanzügen am Kai standen. Sie hatten eine Slackline durch den Hafen gespannt und versuchten, darauf möglichst weit zu balancieren. Eine nach der anderen fiel zwischen den Booten ins kalte Wasser. Sie lachten und quatschten und feuerten sich gegenseitig an.

Nach ein paar Minuten ging ich weiter. Ich hatte Hunger.
Am nächsten Morgen saß ich beim Frühstück in meiner Unterkunft. Der Smalltalk mit den Gastgebern gehört hier dazu, und so bekam ich mit, wie das Rentnerpaar am Nebentisch dem Wirt erzählte, dass sie gestern etwas ganz Besonderes beobachtet hätten: Einige junge Leute hätten da ein Band gespannt, mitten im Hafen, das aus Gummi oder sowas ähnlichem gewesen sein müsse. Jedenfalls habe es unter Spannung ausgehalten, dass die Frauen in ihren Wetsuits darauf balancierten. „We have never seen something like that!“, sagte der alte Herr begeistert. „Now that I’m talking about it, I wonder, was it even real?“
Ich hatte am Abend vorher ein paar Minuten zugesehen und war weitergegangen. Für die beiden war es das Highlight ihres Tages.
Wer von uns in diesem Frühstücksraum den jüngeren Blick auf die Welt hatte, war auf einmal nicht mehr so klar. Denn die beiden hatten eine Faszination für Dinge, die ich als alltäglich empfinde. Die mir in ihrer Besonderheit gar nicht mehr auffallen.
Vielleicht hat es mich letzte Woche genau deshalb immer wieder an diese Rentner-Orte gezogen. Es sind ruhigere Orte, vermeintlich langweilig. Aber je mehr Zeit und Muße man dort hat, desto mehr entdeckt man.

Ist ein Garten nur grün? Oder in Wirklichkeit ganz viele verschiedene Grüns?
Irgendwann kann ich vielleicht auch meine Begeisterung für diese Frage besser in Worte fassen. Dann kommt nochmal ein eigener Newsletter über Gärten. Solange soll das hier vor allem ein Appell an dich sein, doch auch mal Rentner-Urlaub auszuprobieren. Mich hat das runtergefahren, hat mir Augen, Kopf, Brust aufgemacht für neue Eindrücke, und mein Dopamin-Niveau zurückgesetzt.
Außerdem bin ich letzte Woche zum ersten Mal im Linksverkehr Auto gefahren (souverän!), habe erstaunlich oft gut gegessen (Pickles!) und einen neuen Freund gefunden.

Danke, dass du hier mitliest! Ab jetzt schreibe ich hoffentlich wieder regelmäßig 💌
Deine Eva
P.S.: Kennst du jemanden, der oder die auch mal Rentner-Urlaub machen sollte – oder einfach etwas Ruhe vom schnellen Teil des Internets braucht? Dann freue ich mich, wenn du meinen Newsletter weiterempfiehlst 🙏🏼 Hier kann man ihn abonnieren.
„You collect all these sights around the world, and you come home and turn them into insights.”